Bild: Sven Hans TietzeInformationen | Presse

Georg Büchner "LENZ"

Eine dramatische Interpretation


"Alles verzehrt sich in mir selbst; hätte ich einen Weg für mein Inneres - aber ich habe keinen Schrei für den Schmerz, kein Jauchzen für die Freude, keine Harmonie für die Seligkeit, … die Seele ist mir genommen", schreibt Georg Büchner 1834 aus Gießen an seine Braut Wilhelmine Jaeglé, und es ist, als spräche er selbst die Gedanken seines Helden am Ende der Erzählung aus.

Büchners Fragment über den damals verkannten Dichter Jakob Michael Reinhold Lenz (1751-1792) beruht auf einem Bericht, einer Art Tagebuchaufzeichnung des Seelsorgers Johann Friedrich Oberlin (1740-1826), Pfarrer im Steintal der elsässischen Vogesen, welcher den seelisch zerrütteten, entwurzelten und ausgegrenzten Dichter neunzehn Tage, vom 20. Januar bis zum 8. Februar 1778, bei sich aufnahm. Lenz' Gemütszustand verschlimmerte sich trotz anfänglicher Besserung auf das Dramatischste. Mehrere Versuche, sich das Leben zu nehmen, machten seinen Aufenthalt im Steintal für Oberlin unhaltbar.

Doch Büchner geht über den Bericht Oberlins, der eine Art Rechenschaft über den letztendlichen Abtransport seines Gastes nach Straßburg darstellt und der einer zwangsweisen Verbannung gleichkam, hinaus und stellt das innere Erleben, die seelischen Zustände von Lenz in den Vordergrund und macht ihn so zum Helden seiner Erzählung. Dabei bringt er uns Lenz so nahe, dass wir von seinem unsagbaren Leid und seinem traurigen Wahnsinn tief berührt werden.

Das Eintauchen in die Seele seines Helden zeugt von tiefem Verständnis und Einfühlungsvermögen. Denn auch Büchner selbst kennt Gefühle tiefster Schwermut und Hilflosigkeit, kennt das Vertriebensein - gerade als er diese Erzählung schreibt, lebt er als politischer Flüchtling in Straßburg. Als Verfasser des "Hessischen Landbotens" wird er steckbrieflich gesucht. Angst quält ihn, nach Hessen ausgeliefert und inhaftiert zu werden. Sein Bruder Ludwig Büchner wird später von einer Wahlverwandtschaft sprechen und das Fragment "Lenz" als "halb und halb des Dichters eigenes Porträt" bezeichnen.

Büchner, der Mediziner, beschreibt überdies erstmalig exakt den Krankheitsverlauf der Schizophrenie und zeigt auch deren Ursachen auf, die im gesellschaftlichen Umfeld zu suchen sind und nicht durch Sündhaftigkeit und Schuld in den "Wahnsinn als Strafe Gottes" münden.
Informationen zum ProgrammSchauspiel-Solo
Spieldauer: ca. 70 min
Bühnenfassung und Erarbeitung: Cora Chilcott

Referenzen:
Premiere: Theater Spikeri Riga (Lettland), Goethe-Gesellschaft Kassel, Gerhart-Hauptmann-Haus Erkner, Theodor-Storm-Museum Heiligenstadt, Bücherfrühling Quedlinburg, Schillerhaus Leipzig, Festival "Büchner 200" Darmstadt, Goethe-Institut Lettland und Strasbourg, Istituto di Cultura Italo-Tedesca Verona u.a.
Stimmen der Presse→ Porträt einer zerrissenen Seele Porträt einer zerrissenen Seele Cora Chilcott führt Spielfassung von Büchners "Lenz" auf ...Ihre Interpretation des Stücks gibt sich einfühlsam und ergreifend. Ein Holztisch und ein Stuhl genügen als Kulisse, das Drama spielt sich auf den lebhaften Zügen der Spielerin ab. Mit blassem Gesicht, wirrem Haar und sprechenden Augen entwirft sie das beklemmende Porträt des schizophrenen, von Angst und Wahnsinn gejagten Dichters, dessen mehrtägigen Aufenthalt im elsässischen Steintal,... . Auf Cora Chilcotts offenem Gesicht wetterleuchtet Lenzens Schwanken zwischen Hoffnung und Resignation. Emphatisch steigert sie sich in das vergegenwärtigte Erleben, hält wieder inne, lässt Worte nachklingen. ... Wie wenn sie selbst Lenzens schwankenden Gemütszustand, sein Leben zwischen todesbanger Existenzangst und kurzen Phasen der Geborgenheit, der Hoffnung auf Ruhe und Heilung noch einmal schmerzlich durchlebte. Fast körperlich spürt man, wie nächtens die Bedrängnisse von Lenz Besitz ergreifen, wie sein Geist sich verwirrt. Mit einem Schrei lehnt dieser Lenz Oberlins Mahnung, Trost in Gott zu suchen, ab. Mit nächtlichem Winseln denkt er an die verlorene Friederike, dann wieder der tiefe Seufzer: "Wenn ich nur unterscheiden könnte, ob ich träume oder wache." ... Cora Chilcott hat die Vorlage einfühlsam interpretiert, eine ergreifende Leistung. ... Helmut Voith - Schwäbische Zeitung 01/2015
→ Eine Frau als Schriftsteller am Abgrund Eine Frau als Schriftsteller am Abgrund  Nachdenklich verlassen die Zuschauer am Donnerstagabend den Kiesel, ... – nachdenklich, still und berückt. So sehr hat sie das eben Gesehene gefesselt. So sehr setzt ihnen die Geschichte eines Mannes zu, der an sich selbst, der Welt und seinem Platz in ihr gescheitert ist - die Geschichte des "unglücklichen, talentvollen" Dichters Jakob Michael Reinhold Lenz. Cora Chilcott setzt die Erzählung des Dramatikers Georg Büchner, über Lenz' Leiden beeindruckend authentisch um. Sie kommt mit wenigen Requisiten aus und schafft es dennoch, die Bühne allein mit ihrer Stimme und ihrer Präsenz zu füllen. ... Zerbrechlich sieht sie aus, das Gesicht bleich und ausgemergelt, die Haare wild zerzaust, der Rücken gebeugt, doch als sie zu sprechen beginnt, weicht der leere Ausdruck in ihren Augen einem wahnsinnig Glitzern. Chilcott gelingt es, das Publikum mitzureißen in das seelische Auf-und-Ab, in die Leere und Finsternis, die Enge und Einsamkeit, die der geistig Kranke durchlebt und die Büchner so einfühlend und bildlich darstellt. Eingebettet in die lebendigen Naturbeschreibungen Büchners und untermalt durch traurigen Gesang, führt die klare, ausdrucksvolle Stimme der Schauspielerin durch den Seelenkampf des Gequälten. ... Donna Doerbeck - Südkurier 01/2015
→ Schreie einer verzweifelten Seele Schreie einer verzweifelten Seele AUFTRITT So verwandelt die Schauspielerin Cora Chilcott Georg Büchners Erzählung "Lenz" in ein furioses Theaterstück. ... Diese Augen. Weit aufgerissen - suchend, fragend, verzweifelt. Das bleiche Gesicht - ein Schrei, verzerrt zur Grimasse, Spiegel einer geplagten Seele. Oder doch schon das Gesicht eines Wahnsinnigen? ... Das Psychogramm eines hochbegabten Schriftstellers zwischen Genie und Wahnsinn - im Glasmuseum Rosenau wird Büchners Erzählung zum furiosen Theaterabend. Die Schauspielerin Cora Chilcott verwandelt Büchners Text in eine Partitur der Emotionen. ... Unverstanden fühlte sich Lenz in seinem Leben, unverstanden und seiner Zeit voraus zwei Generationen später auch der 1813 geborene Georg Büchner. Der Kraft seiner Worte, die Macht seiner zugleich kraftvollen wie zerbrechlich zarten Sprache spürt Cora Chilcott in ihrer szenischen Deutung klug und feinfühlig nach. ... Die visionäre Kraft seiner Sprache, die Büchner zum Vorläufer von Naturalismus und Expressionismus werden ließ, entfaltet Chilcott mit wohl dosierter Ökonomie der Darsteller. Klug hütet sie sich vor Übertreibungen, setzt vielmehr immer wieder ganz bewusst Ruhepunkte, hält inne und lässt dann um so eindringlicher die Zuschauer in die Seele des Dichters Jakob Michael Reinhold Lenz blicken. In Georg Büchners Worten und in Cora Chilcotts Darstellung erlebt das gebannt lauschende Publikum den einsamen Kampf einer von vielen Zweifeln geplagten Seele, erlebt jäh aufkeimende Hoffnungen, die freilich ebenso schnell wieder zerstört werden. Packend. Jochen Berger - Coburger Tageblatt 2013
→ Mit Wucht in den Sitz gepresst Mit Wucht in den Sitz gepresst Cora Chilcott begeisterte mit ihrem Schauspiel-Solo das Publikum im Kunsthaus zum sechsten Mal ... Schmalkalden - Hinsetzen, anschnallen,festhalten. - Der Vergleich mit der Fahrt in einem Rennwagen mag gewagt sein. Cora Chilcott gehört dann mit Sicherheit in die Sparte der Formel-1-Sportler. Extraklasse ist ihre Vortragskunst. Mit gewaltiger Wucht in den Sitz hineingepresst wird man als ihre Beifahrerin bereits während der ersten Sätze und Gesten. Sie katapultiert sich mit einer solchen Geschwindigkeit in die von ihr dargestellte Person hinein, dass man für die Dauer des 70-minütigen Spiels in dem Fall guten Gewissens behaupten kann: Die zierliche leidende Person dort auf der Bühne ist - für diese Aufführung, Jakob Michael Reinhold Lenz. ... Jeder hat die Augen hochkonzentriert nach vorn geheftet, mit sichtlich so fester Körperspannung, als könnte man jeden Moment aus der Kurve fliegen. Die Schauspielerin kennt die Strecke aus dem Effeff. Fährt geschmeidig durch alle Passagen - mit ausladenden Armen einen Schritt rückwärts: "Und dann zog es weit von ihm, die Erde wich unter ihm, sie wurde klein wie ein wandelnder Stern und tauchte sich in einen brausenden Strom." Gibt auf gerader Strecke dermaßen Vollgas - mit aufgerissenen Zügen: "Er jagte mit rasender Schnelligkeit sein Leben durch." Um dann wieder eine Vollbremsung hinzulegen: "Der Mond!" in einem langgezogenen lauten Klagen. Immer bleibt es spannend. Chilcott moduliert mit der Stimme. Und die stillen Momente lässt sie mit einer verharrenden Geste sprechen, mehrmals hörte man das Uhrwerk von St. Georg hineinschlagen... "Büchners Eintauchen in die Seele seines Helden zeugt von tiefem Verständnis und Einfühlungsvermögen", lobt Chilcott im Programm jenen Autor, der während des Schreibens am "Lenz" in Straßburg lebte und über den sein Bruder Ludwig später sagen wird, dass die Erzählung "halb und halb des Dichters eigenes Porträt" darstelle. An tiefem Verständnis und Einfühlungsvermögen steht Chilcott Büchner wohl in nichts nach, vor ihrer großen Schauspielkunst zieht man den Hut, in Schmalkalden jedenfalls wurde kräftig applaudiert. Sigrid Nordmeyer - Freies Wort 2013
→ Die Schritte des Wahnsinns Die Schritte des Wahnsinns Schauspielerin Cora Chilcott entwirft in Georg Büchners "Lenz" eine dramatische Seelenlandschaft Mühlhausen. In sich zusammengesunken und tief in sich gekehrt sitzt er vor diesem schlichten Tischchen. ... Leichenblass ist dieser Lenz, von Schlaflosigkeit und seelischem Schmerz gekennzeichnet sind seine Augen. Siebzig spannende Minuten lang nimmt diese tragische Figur das Publikum mit auf den messerscharfen Grad des Wahnsinns und lässt es in den Abgrund unsagbaren Schmerzes, tiefer Verzweiflung und Todessehnsucht blicken. ... Cora Chilcott machte dieses emotionale Solo-Schauspiel zum nachhaltigen Erlebnis. Grandios vermisst sie Minute um Minute den alles verzehrenden Wahnsinn. ... Cora Chilcott brachte Büchners wunderbare Magie der Sprache nahe und beeindruckte im Schauspiel durch tiefe Emotionalität, Feinheit, Sinnlichkeit und Ausdrucksstärke. Iris Henning - Thüringer Allgemeine Zeitung 2013