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O Himmel, was ist das für eine Welt!

Ein Kleist-Abend


"Gott, mein Vater im Himmel! Du hast dem Menschen ein so freies, herrliches und üppiges Leben bestimmt. Kräfte unendlicher Art, göttliche und tierische, spielen in seiner Brust zusammen, um ihn zum König der Erde zu machen. Gleichwohl, von unsichtbaren Geistern überwältigt, liegt er, auf verwundernswürdige und unbegreifliche Weise, in Ketten und Banden; das Höchste, von Irrtum geblendet, lässt er zur Seite liegen, und wandelt, wie mit Blindheit geschlagen, unter Jämmerlichkeiten und Nichtigkeiten umher. Ja, er gefällt sich in seinem Zustand; und wenn die Vorwelt nicht wäre und die göttlichen Lieder, die von ihr Kunde geben, so würden wir gar nicht mehr ahnden, von welchen Gipfeln, o Herr! der Mensch um sich schauen kann. ..."

Heinrich von Kleist, der große deutsche tragische Dichter und Dramatiker, schrieb diese Worte als poetische Reaktion auf seine Zeit und leitete mit diesen die Zeitung "Berliner Abendblätter" ein, dessen Herausgeber er war. Anfänglich erfolgreich - es wurden rege politische Diskussionen ausgetragen - verlor das Volksblatt durch die energischen Zensurmaßnahmen des Staatskanzlers Hardenberg sein ursprüngliches Gepräge; es wurde bereits nach einem halben Jahr seines Erscheinens eingestellt. Das war im März 1810. Kleist befand sich einmal mehr in einer gedemütigten und hoffnungslosen Lage, die schließlich in seinen Freitod mündete.*
Die Mehrheit der Zeitgenossen verkannte ihn. Erst Jahrzehnte nach seinem Tod sollte die bis dahin nicht gekannte Schärfe und Wucht seiner Dichtung Anerkennung und Würdigung finden.

Zum 200. Todestag des Dichters werden in meinem Programm Textauszüge aus „Prinz Friedrich von Homburg", Amphitryon“, „Penthesilea“ und dem „Käthchen von Heilbronn“ mit Briefen und Schriften verknüpft. Ich versuche, Kleists Darlegungen zum eigenen Werk, seine verzweifelte Auseinandersetzung mit seiner Zeit und seinen Mitmenschen neben seine leidenschaftliche und verstörende Dichtkunst zu stellen und so eine Hommage an einen der größten deutschen Dichter zu schaffen.

*Am 21. November 1811 nahm sich Heinrich von Kleist das Leben - zuvor erschoss er seine ihn um den Tod bittende Freundin Henriette Vogel.
Informationen zum ProgrammSchauspiel-Solo
Spieldauer: ca. 80 min
Idee, Konzept und Erarbeitung: Cora Chilcott

Referenzen:
Schillerhaus Leipzig, poeTon-Festival Nordhausen, Goethe-Gesellschaften Kassel und Leipzig, Literaturmuseum Theodor Storm Heiligenstadt, Pećs (Siebenkirchen, Ungarn), Kleist-Tage in Sarajevo (Goethe-Institut Bosnien und Herzegowina), Goethe-Institut Oslo
Stimmen der Presse→ Kleist gab sein Innerstes preis Kleist gab sein Innerstes preis  (...) Ihm gerecht werden. Und zeigen, dass der hochsensible Dichter durchaus auch fröhliche Momente im kurzen, anstrengenden Leben hatte. Mit diesem Anspruch brachte Cora Chilcott einen Heinrich von Kleist auf die Bühne im Kunsthaus am Markt, der sein Innerstes preisgab. Mit fest gebundenem Pferdeschwanz und ebenso fester Miene zog die Berliner Schauspielerin die Originalzitate messerscharf aus den tatsächlich 230 erhaltenen Briefen Kleists. Gespickt mit kurzen, super gespielten Dia- oder Monologen aus den Dramen „Familie Schroffenstein“ (1803), „Der zerbrochene Krug“ (1808), „Amphitryon“ (1807), „Penthesilea“ (1807/08), „Das Käthchen von Heilbronn“ (1808) oder der Schrift „Gebet des Zoroaster“ (1810) hielt die zierliche gebürtige Leipzigerin den ehrgeizig gezogenen Spannungsbogen. Eine gute Stunde lang, hoch konzentriert und präsent. Bis zum versöhnlichen Abschiedsbrief, den der 34-Jährige am 21. November 1811 an seine Halbschwester Ulrike schreibt. Die berühmte Augenbinden-Szene aus dem Prinz Friedrich von Homburg (1811): "Nun, o Unsterblichkeit, bist du ganz mein!" machte am Ende jenes Bild von einem Mann rund, für den der Ruhm, den der Himmel ihm versage als „das größte der Güter der Erde“ erschienen war (Brief an Ulrike am 26. Oktober 1803). Die Zuschauer folgten dem dichten Ein-Frau-Programm aufmerksam und belohnten die hochkarätige professionelle Darbietung mit kräftigem Applaus. „Einen tiefen Eindruck“ von diesem besonderen deutschen Dichter habe die Darstellung Chilcotts hinterlassen, war zu hören. (...) Sigrid Nordmeyer - Freies Wort - 03/2011
→ Ein beeindruckendes Gastspiel im Schillerhaus Leipzig: Kleist besucht Schiller Ein beeindruckendes Gastspiel im Schillerhaus Leipzig: Kleist besucht Schiller  Die Bauernstube des Leipziger Schillerhauses in Gohlis ist bis auf den letzten Platz gefüllt. Durch die Tür tritt eine zierliche Person, gekleidet nach der Männermode des späten 18. Jahrhunderts, die langen Haare straff hinterm Kopf zusammengebunden. Doch es sind nicht Schillers Worte, mit denen Cora Chilcott in den nächsten knapp neunzig Minuten brillieren wird. Es sind die seines Zeitgenossen Heinrich von Kleist, dessen Todestag sich im November zum 200. Male jährt. "Ein schöner Tag, so wahr ich Leben atme! ..." Nicht von ungefähr eröffnet die Schauspielerin ihr Programm mit einem Zitat aus "Prinz von Homburg", dem wohl autobiografischsten aller Kleist-Dramen. Auch der Prinz ist einer, der nicht weiß, ob er leben oder sterben will, der an sich, seinen eigenen Ansprüchen und der Welt verzweifelt, obwohl er am Ende gerettet wird. Kleist wird nicht gerettet, er erschießt sich am Wannsee. In einem beeindruckenden Kaleidoskop aus Briefen und Szenenausschnitten entwirft die in ihrer Rolle bewusst hermaphrodit wirkende Cora Chilcott das Bild dieses zerrissenen und von Ehrgeiz geplagten Genies. Sie erzählt uns von Versagungen und Hoffnungen, von Wünschen und Frustrationen. Kleists gesamte Schaffensperiode von 1801 bis zu seinem Tode wird vor uns ausgebreitet und diese chronologische Entwicklung ist spannend wie ein Krimi. Das liegt an der klugen Auswahl der Briefe und Texte und vor allem an ihrer Darbietung. Egal, ob die Chilcott die Briefe verliest, wobei sie immer den richtigen Ton trifft, ob sie mit sich selbst Dialoge spricht oder die berühmten Monologe nur anreißt - immer löst sie es schauspielerisch großartig... Hans George - Leipziger Internet Zeitung 03/2011